Einleitung und Übersicht

 

Beren beschafft einen Silmaril wieder - Eissmann

 

Einleitung

Quenya existiert in unserer (irdischen) Welt hauptsächlich als eine schriftliche Sprache: Quenya-LiebhaberInnen neigen dazu, weit verstreut zu leben und ihre Werke im allgemeinen nur mittels eines schriftlichen Mediums auszutauschen (tatsächlich wäre es sinnvoller, von Quenya-Schreibern als -Sprechern zu reden). Nichtsdestotrotz sollten Lernende des Quenya verständlicherweise wissen, welche Aussprache Tolkien vorsah, jedenfalls soweit, wie man dies heute noch nachvollziehen kann.

Leider existieren nur sehr wenige Aufnahmen von Tolkien, in denen er Quenyatexte vorliest. In einem späten Fernsehinterview spricht er die Begrüßung elen síla lúmenn’ omentielvo. Noch beachtenswerter sind seine beiden unterschiedlichen Tonaufnahmen des Namárië (gesungen und gesprochen). Die gesprochene Version ist im Internet unter "Poem in Elvish" zugänglich. Einige Zeilen dieser Version des Namárië unterscheiden sich übrigens von ihren HdR-Gegenstücken: Die aufgezeichnete Version lautet inyar únóti nar ve rámar aldaron / inyar ve lintë yulmar vánier statt yéni únótimë ve rámar aldaron! / yéni ve lintë yuldar (a)vánier im HdR. Die Aufzeichnung wurde allerdings vor der Veröffentlichung des Buchs gemacht (und damit vor den letzten Überarbeitungen). anhören

Die wenigen umfangreicheren Tonaufnahmen sind zwar interessant, aber nicht unsere Hauptinformationsquelle. Das meiste, was wir über die Aussprache des Quenya wissen, basiert auf den schriftlichen Notizen Tolkiens, in denen beschrieben wird, wie seine Sprachen ausgesprochen werden sollen. Die wichtigste Quelle hierfür ist Anhang E des HdR. (Tatsächlich entspricht Tolkiens Aussprache auf den Aufnahmen nicht immer seinen eigenen praktischen Anweisungen, aber schließlich war Quenya auch nicht seine Muttersprache.)

Jede natürliche Sprache hat ihre individuelle Phonologie, d.h. eine Reihe von Regeln, die bestimmen, welche Laute gebraucht werden, wie sie variieren und wie sie kombiniert werden dürfen. Dies gilt für jede gutkonstruierte Kunstsprache ebenso. Quenya ist definitiv keine halb zufällig zusammengewürfelte Ansammlung von Lauten; Tolkien entwarf seine Phonologie sehr sorgfältig – sowohl als ein sich entwickelndes Ganzes (die graduelle Evolution des Primitiven Elbischen zum Klassischen Quenya) als auch als "feste" Form (die Form von Quenya, die als Sprache der Weisen und der Zeremonien in Mittelerde gebraucht wird). Tolkien ließ Pengolodh, den Weisen von Gondolin, beobachten, dass elbische Sprachen relativ wenige Laute gebrauchen – "for the Eldar being skilled in craft are not wasteful nor prodigal to small purpose, admiring in a tongue rather the skilled and harmonious use of a few well-balanced sounds than profusion ill-ordered" (PM:398). Keiner der Laute des Quenya ist aus europäischer Perspektive sonderlich exotisch; die Anordnung jedoch ist von exquisiter Ordentlichkeit. Im Vergleich zu Tolkiens Elbensprachen erscheinen viele "echte" Sprachen geradezu chaotisch.


Grundlegende Begriffe

Lassen Sie uns einige grundlegende Begriffe erklären (Personen mit linguistischer Erfahrung müssen diesem Abschnitt nicht viel Aufmerksamkeit widmen). Die Laute jeder Sprache können in zwei große Kategorien eingeteilt werden: in Vokale und in Konsonanten. Vokale sind Laute, die durch einen "freien" Luftstrom durch den Mundraum entstehen. Die verschiedenen Vokale werden durch Veränderungen der Position von Zunge und Lippen erzeugt, doch der Luftstrom wird niemals direkt behindert. Wenn man verschiedene Vokale spricht (aaaaa... oder eeeee... oder ooooo...) kann man leicht spüren, wie die Luft ungehindert durch den Mund strömt: man formt lediglich Zunge und Lippen, um den gewünschten Laut "einzustellen". Vokale können mehr oder weniger ""offen" oder "geschlossen" sein: Man braucht nur die Position der Zunge und des Unterkiefers betrachten, wenn man aaah... spricht, und dies mit der Position beim ooooh vergleichen, um zu verstehen, was damit gemeint ist. Der Vokal a (wie in Grad) ist der offenste, während der Vokal u (wie in Wut) der geschlossenste ist. Andere Vokale fallen dazwischen. Vokale können ebenfalls mehr oder weniger "rund" sein, abhängig von der Form der Lippen; der eben beschriebene Vokal u wird rund genannt, weil er mit gespitzten Lippen produziert wird. Der Vokal o (wie in Tor) wird eigentlich ähnlich wie a produziert, aber o ist rund, und a ist es nicht – dadurch klingen die Vokale hörbar unterschiedlich.

Beim Sprechen von Vokalen wird der Luftstrom lediglich modifiziert (mittels der eben beschriebenen Technik), er wird niemals "gehindert". Im Fall von Konsonanten wird die Luft aktiv blockiert. Tolkien berichtete uns, dass ein alter elbischer Begriff für Konsonant tapta tengwë oder nur tapta lautet, was "gehindertes Element" oder "Gehindertes" (VT39:7) bedeutet. Im Extremfall kann der Luftstrom für einen kurzen Moment sogar vollständig unterbrochen werden: leicht festzustellen bei einem Konsonanten wie p, der geformt wird, indem man die Lippen in Kontakt miteinander bringt, kurzzeitig den Luftstrom von den Lungen abschneidet und einen Druck im Mund aufbaut. Werden die Lippen nun abrupt wieder getrennt, entlassen sie die Luft in einer kleinen Explosion – und diese Explosion produziert den Laut p. Diese explosiven Konsonanten sind t, p, k und ihre Gegenstücke d, b, g. Sie werden alle durch das Stauen und plötzliche Entlassen der Luft an verschiedenen Stellen der Mundhöhle gebildet. Anstatt die Luft vollständig zu blockieren, kann man sie auch durch eine schmale Öffnung fließen lassen, wie beim f, wo sie zwischen Unterlippe und oberen Schneidezähnen hindurchgepresst wird. Solche Laute werden friktiv (?) (oder spirativ) genannt und umfassen die Konsonanten f, v, das deutsche w und das englische th. Und es gibt immer noch weitere Möglichkeiten den Luftstrom zu manipulieren, z.B. indem man ihn durch die Nase umleitet und nasale Konsonanten wie n oder m bildet.

Das Konzept der Stimmgebung sollte ebenfalls verstanden werden. Menschen (und - so wie es aussieht - auch Elben) kommen mit Stimmbändern in der Kehle zur Welt. In Vibration gebracht, fügen diese dem Luftstrom "Stimme" hinzu, noch bevor er die Sprechorgane ganz erreicht. Das Vorhandensein oder Fehlen solchen Stimmgebens unterscheidet Laute wie w von f. Wenn man einen Laut wie ffff... produziert und ihn dann plötzlich in ein www... umwandelt, spürt man das Summen in der Kehle (legen Sie einen Finger auf  Ihre Glottis – den "Adamsapfel", der bei Frauen weniger hervorsteht -  und Sie werden das Vibrieren der Stimmbänder spüren). Im Prinzip könnte durch das Vokalisieren die Anzahl unserer produzierbaren Laute verdoppelt werden, da sie alle entweder mit Vibration der Stimmbänder (als stimmhafte Laute) oder ohne (als stimmlose Laute) erzeugt werden könnten. In der Praxis treten die meisten Sprachlaute jedoch nicht stimmlos auf. Viele Laute wären kaum wahrnehmbar ohne Stimmgebung (n zum Beispiel würde zu einem kleinen Schnauben reduziert). Gewöhnlich sind alle Vokale stimmhaft, so auch im Quenya (obwohl sie z.B. im Japanischen unter bestimmten Bedingungen ihre Stimme verlieren).

Ich habe mich bereits auf d, b, g als "Gegenstücke" zu t, p, k bezogen. Sie sind Gegenstücke in dem Sinne, als dass die ersteren stimmhaft und die letzteren stimmlos gesprochen werden. Ein charakteristisches Merkmal des Quenya (jedenfalls des Noldorin-Dialekts) ist der sehr eingeschränkte Einsatz der stimmhaften Explosivlaute d, b, g; sie treten ausschließlich in der Wortmitte auf, und dann nur als Teil der Konsonantencluster nd/ld/rd, mb und ng. Manche Sprecher sagten auch lb statt lv. (Möglicherweise stellte sich Tolkien für den nur wenig attestierten Vanyarin-Dialekt des Quenya andere Regeln vor: Das Silmarillion berichtet vom Aldudénië, der Klage eines Vanyarin-Elben. Dieses Wort hat vielen Forschern Rätsel aufgegeben, da das mittlere d in einer dem Noldorin-Quenya eigentlich unmöglichen Position steht.) anhören

Silben: Zusammengesetzt aus Vokalen und Konsonanten, ist Sprache kein undifferenzierter Schwall von Lauten. Sie wird eher als in rhythmische Einheiten (Silben) organisiert wahrgenommen. Die kürzesten Worte sind zwingenderweise einsilbig, aus nur einer Silbe bestehend – wie das deutsche von oder sein Quenya-Äquivalent ho. Wörter mit mehr als einer Silbe, also mehrsilbige Wörter, bilden längere Ketten von rhythmischen Impulsen. Ein Wort wie Harfe besitzt zwei Silben (Har-fe), eines wie wundervoll drei (wun-der-voll), Geografie besitzt vier (Ge-o-gra-fie), und so weiter -  obwohl wir offensichtlich nicht viel mehr Silben aneinander reihen können, ohne unpraktisch lange und schwierig auszusprechende Worte zu erhalten. Einige orientalische Sprachen - wie Vietnamesisch -  haben eine Vorliebe für einsilbige Wörter. Aber wie aus unseren deutschen Beispielen ersichtlich, besitzen europäische Sprachen längere Wörter, und Tolkiens Quenya macht davon auch ausgiebigen Gebrauch (ebenso das Finnische).

Betrachten Sie Wörter wie Ainulindalë oder Silmarillion (jeweils fünf Silben: ai-nu-lin-da-lë, sil-ma-ril-li-on). Ein ungebeugtes Quenya-Wort besitzt typischerweise zwei oder drei Silben, und diese Zahl nimmt durch grammatische Endungen oft noch zu. anhören


Übersicht

Die Vokale des Quenya lauten a, e, i, o, u. Lange Vokale werden durch einen Akzent gekennzeichnet: á, é etc. Die Vokale sollen rein klingen, d.h. wie in der deutschen, oder besser noch, der italienischen Aussprache (und keinesfalls wie im Englischen). Die langen Laute á und é sollen deutlich geschlossener sein als die kurzen a, e. Manche Vokale können eine Diaresis (waagerechter Doppelpunkt über dem Buchstaben) erhalten; dies beeinflusst nicht ihre Aussprache, sondern erinnert Personen, die an ein englisches Schriftbild gewöhnt sind, aufeinanderfolgende Vokale nicht zu verschmelzen. Jede Diaresis ist optional, d.h. sie kann auch weggelassen werden. Ich finde, dass die Diaresis - da Tolkien sie an so vielen Stellen selbst benutzte - das Schriftbild des Quenya geprägt hat und viel zu seiner Eleganz und Exotik beiträgt.

Die Diphthongs sind ai, oi, ui und au, eu, iu.

Der Konsonant c wird stets wie k ausgesprochen ( Celeborn also nicht wie Zeleborn, sondern Keleborn). anhören

L soll klar, dental ausgesprochen werden (wiederum ähnlich dem Deutschen; dabei sollte im Quenya idealerweise die Zungenspitze die oberen Schneidezähne berühren; keineswegs sollte das Quenya-l so weit hinten im Gaumen liegen wie im englischen will!)

R wird immer mit der Zunge gerollt. Das kehlige r im Deutschen und Französischen klingt in Elbenohren abstoßend. Tatsächlich scheint es der orkischen Sprachfamilie zugeordnet zu sein (womit dann auch alles gesagt sein dürfte).

S ist immer stimmlos, wie im Deutschen dass, niemals wie in Sonne! (tasar wird also taßar ausgesprochen, allerdings mit kurzem s) anhören

Y wird nur konsonantisch gebraucht, wie das deutsche j. Man vermeide unbedingt, y wie ü auszusprechen.

Idealerweise sollten die Konsonanten t, p, c unaspiriert sein.

Palatalisierte Konsonanten werden durch Digraphen mit -y notiert (ty, ny etc).

Labialisierte Konsonanten werden gewöhnlich durch Digraphen mit -w umschrieben (z.B. nw; Ausnahme: statt cw wird im Quenya aus ästhetischen Gründen immer qu geschrieben. Dies gilt jedoch nur für das Schriftbild, in der Aussprache bleibt cw erhalten.)

H wird wie im Deutschen ausgesprochen. Es gibt jedoch eine Reihe von Ausnahmen:

Die Kombination ht wird cht ausgesprochen (wie in Macht), wenn ein "dunkler" Vokal (a, o, u) unmittelbar vorangeht. Ist der vorangehende Vokal hell (i, e), so wird ht zu cht wie in nicht. Beim lauten Sprechen merkt man deutlich den Unterschied zwischen den beiden ch-Lauten.

Die Kombination hy wird immer mit ch wie in ich ausgesprochen (hyarmen also als charmen; ch wie ich ohne das i, keinesfalls wie in Bach!)

Die Kombination hw steht für ein stimmloses w (wie im amerikanischen Englisch wh).

Die Kombinationen hl und hr repräsentierten ursprünglich ein stimmloses l bzw r. Seit dem Dritten Zeitalter werden sie jedoch wie die gewohnten Laute l und r ausgesprochen.

Die Betonung entfällt bei zweisilbigen Worten in fast allen Fällen auf die erste Silbe (Valar wird folglich VAlar ausgesprochen). Besteht das Wort aus mehr als zwei Silben, so entfällt die Betonung auf die vorletzte Silbe, wenn diese lang ist. Eine Silbe gilt als lang, wenn sie entweder einen langen Vokal (á,é...) oder einen Diphthong (au, iu...) enthält, oder wenn der (kurze) Vokal von mehr als einem Konsonant gefolgt wird. (Isildur wird also iSILdur ausgesprochen; nicht vergessen, dass das s stimmlos ist!). Wenn die vorletzte Silbe kurz ist (also keines der drei genannten Kriterien erfüllt), so entfällt die Betonung stets auf die drittletzte Silbe, egal ob diese nun lang oder kurz ist.